iPhone 4s als Kameraersatz

Standard

„Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.“

Oskar Barnack

Apple iPhone 4S in der 32GB Version

Don’t follow the hype. Das vorweg gesagt. Am Freitag ist das iPhone 4s bei mir angekommen und ich habe beschlossen, mal einen sinnvollen Bericht über dieses Mobiltelefon zu schreiben, was die fotografischen Qualitäten angeht. Mit bis zu 64GB Speicher, einer 8 Megapixel Kamera und Full HD Videofunktion kann das iPhone 4s sicherlich im Low-End Feld der Kompaktkameras mitgezählt werden. Ob das iPhone 4S eine oder sogar mehrere meiner Kameras ersetzen kann (und welche) werde ich im folgenden kleinen Testbericht ausführen. Ausserdem gibt’s Wissenswertes und ein paar kleine Tipps um die Fotografie mit dem Mobiltelefon.

Das Linsensystem hat eine Blende von f/2.4 und der neue, hintergrundbeleuchtete 8 Megapixel Sensor von Sony wird durch einen Hybrid-IR Filter geschützt und soll auch im Dunkeln gute Aufnahmen machen. Es scheint derselbe wirklich exzellente EXMOR-R Sensor des Sony-Ericsson Xperia Arc S zu sein, der auch mit 8 Megapixel aufnimmt und eine Blende von f/2.4 hat, das vorweg gesagt. Ich habe keine direkten Vergleichsfotos machen können, aber das Xperia Arc S hat mich, als ich es seinerzeit mal in einer Diskothek ausprobieren durfte, schon sehr beeindruckt. Das iPhone 4s hat dort aber deutliche Schwächen, speziell in der low-light Fotografie ist es kaum brauchbar.

Gehäuserückseite mit Kameralinse

Punkten kann das neueste iPhone mit zügig (dank A5-Prozessor) laufenden, sinnvollen Schnellbearbeitungsfunktionen und einer Fülle von iOS-Applikationen die in Apples App-Store erhältlich sind und die Kamera erst so richtig nützlich machen. Unter iOS 5 hat man direkt vom sog. „Lockscreen“ aus Zugriff auf die Kamera (Doppeltes Drücken des Homebuttons), d.h. man muss nicht mehr umständlich über den Homescreen die Kamera-Applikation auswählen um die Kamera zu aktivieren. In ein bis zwei Sekunden ist die Kamera einsatzbereit und die Aufnahme kann gemacht werden, ausgelöst wird entweder (im Querformat sinnvoll) mit dem Lautstärke-„+“-Knopf an der Gehäuseseite oder über den Auslöser auf dem Display. Ganz witzig: Die Linse ist nicht wie gewohnt recht nah am Auslöser sondern an der anderen Gehäuseecke, so können selbst Bewegungslegastheniker die Linse nicht mehr mit ihren Fingern verdecken während sie den Auslöser drücken. Die Software bietet einen intelligenten Aufofokus mit Gesichtserkennungsfunktion und auf der Gehäuserückseite wird bei schlechten Lichtverhältnissen ein kleiner LED-Blitz hinzugeschaltet, den man allerdings auch ausschalten kann. HDR-Fotos „out of camera“ und die Möglichkeit, die gemachten Bilder sofort mit Geotag in die iCloud zu streamen sind weitere positive Aspekte, die das iPhone zum guten fotografischen Begleiter machen. Eben mal ein Urlaubsfoto schiessen, einen spontanen Schnappschuss machen, das ist mit dem iPhone 4s schnell und in annehmbarer Qualität möglich!

Normale Belichtungssituation - gute Farbwiedergabe

Bedingt durch die Tatsache dass die Speicherkapazität des Geräts begrenzt ist, wird stets ein komprimiertes Datenformat (JPG) eingesetzt. Für Enthusiasten, die ihre Fotos gerne noch nachbearbeiten wollen reicht das nicht aus, aber so ist es auch nicht gedacht. Aber das 4s bietet schon direkt nach der Aufnahme eine annehmbare Qualität und korrekte Belichtungen in den meisten Situationen. Man kann bei den besten Schnappschüssen am Mac/PC auch noch Entrauscher etc. pp. drüberlaufen lassen (Empfehlung: NIK-Software). Ein tolles Feature ist iCloud mit dem sog. „Fotostream“, der die letzten 1000 Bilder in die „Fotos“-Apps der iDevices und in iPhoto auf Desktoprechnern streamt – synchronisieren der Aufnahmen gehört also der Vergangenheit an, das iPhone sendet alle synchronisierungswürdigen Daten bei Kontakt mit einem WLAN-Netzwerk und gestecktem Ladeanschluss automatisch in die Cloud, von wo aus wir sie dann auf den Desktop holen können. Das klappt alles sehr schön und flüssig – traditionell geht es natürlich auch per Kabel-Synchronisation.

"HDR" Doppelbelichtung - man sieht die Geisterbilder

Jetzt dringt Apple also (wieder) in den Kompaktkameramarkt ein, aber von gänzlich anderer Seite als erwartet. „Folded lenses“ sind das Stichwort und alle Hersteller von Mobiltelefonen wollen, MÜSSEN die Optiken in ihren Geräten verkleinern, um größere Sensoren und höhere Packungsdichten der integrierten Elektronik verwirklichen zu können. In Zukunft wird die kleine Kompaktkamera also massiv Konkurrenz von der Handykamera bekommen, dank immer kleinerer Optiken, hintergrundbeleuchteten Sensoren und „immer dabei“-Faktor. Kompaktknipsen mit Periskopoptik u.Ä., die für spontane Schnappschüsse geeignet sind werden verdrängt werden, da es sich einfach nicht mehr lohnt, eine relativ ähnliche Kamera zusätzlich zum Mobiltelefon mitzunehmen. Der Trend wird sich vielmehr weiter in Richtung High-End Kompaktkamera bzw. DSLR entwickeln, also zu dedizierten Systemen, die dem Anwender mehr Komfort, Zuverlässigkeit und Qualität bieten als All-in-one Lösungen in Mobiltelefonen.

Reduziertes Licht aus Wolframlampen

Der LED-Blitz ist, wie vom iPhone 4 bekannt, stark grünstichig und bestenfalls zur Aufhellung naher Personen geeignet. Ich mag diesen LED-Blitz überhaupt nicht, da er ein sehr unschönes Mischlicht ergibt, das man zwar digital wegkompensieren kann, aber es soll ja schnell und einfach mit der Handykamera gehen. Wie bereits beschrieben stößt das iPhone 4s bei Absinken des Lichtangebots schnell an seine Grenzen. Aufnahmen bei Diskolicht u.Ä. gehen mit dem eingebauten LED-Blitz von kleineren Gruppen oder bei sehr viel Glück auch mal mit dem Umgebungslicht. Konzertaufnahmen o.Ä. sind eigentlich mit solchen Kameras immer für die Tonne, trotzdem sieht man erstaunlich viele Leute die Handykamera zücken und recken, wenn man so ein großes Konzert besucht – aber das ist dann wahrscheinlich eher ein Statement als eine praktische Erwägung. Da ich den LED-Blitz nicht benutze, gibt es auch kein Beispielbild – allerdings erreicht man auch ohne Blitz relativ interessante Belichtungen.

Lichtsituation in einer Großraumdiskothek

Bei entsprechender Nachbearbeitung bzw. Reduzierung auf ein geringeres Format sollten Ausdrucke von available light Aufnahmen auf 10x15cm eigentlich kein Problem sein.

Die größten Stärken der iPhone 4s Kamera sind:

– ständige Verfügbarkeit (das Mobiltelefon hat man meist dabei)

– für eine Handykamera sehr brauchbare Qualität, vergleichbar mit Low-End Kompaktkameras

– FullHD-Videofunktion

– mit weiteren Applikationen erweiterte Funktionen und sofortiges Bearbeiten am Gerät (Empfehlung: z.B. Snapseed, Photoforge, Hipstamatic)

– automatisches Geotagging, automatische Synchronisation über iCloud

– schnelle Bereitschaftszeit über Homescreen und Auslösen über „+“-Lautstärketaste

– HDR-fähigkeit, die allerdings wirklich ganz „basic“ ist

– Großes Display, LED-„Not“-Blitz, leichte Bedienbarkeit

Die Schwächen der iPhone 4s Kamera lauten:

– durch mangelnde Sensorgröße und geschrumpfte Optik keine echte Konkurrenz zur gehobenen Kompaktkamera

– relativ schnell rauschende Bilder sobald die Beleuchtung schlechter wird

– im HDR-Modus natürlich eine Neigung zu Geisterbildern, da die Bilder ca. im Sekundenabstand aufgenommen werden

Fazit:

Das iPhone 4s fügt sich sehr gut in meine vorhandene fotografische Infrastrukur ein und da ich es immer dabei habe, kann ich sperrigere Kameras meist zuhause lassen. Es schliesst die Lücke in Richtung Kompaktkamera sogar so gut, dass ich sagen würde, dass man mit einer Handykamera für den Alltag und einer Profikompakten bzw. Spiegelreflexkamera für komplexere Situationen eigentlich sehr gut zurecht kommt. Der Preis für das iPhone 4s ist nicht gerade günstig, ab €629 geht es bei Apple los, zusammen mit einem Mobilfunkvertrag liegen die Geräte immer noch bei gut €200 – natürlich zahlt man für das komplette Paket Smartphone bzw. Internetdevice + Kamera + PDA. Die Kamera ist eine gute Dreingabe, kein Killerfeature, aber ganz nett. Die Aufnahmen auf der Apple-Homepage entsprechen übrigens Aufnahmen, die unter optimalen Bedinungen aufgenommen wurden. Die abgebildeten Erdhörnchen sind wahrscheinlich ziemlich extrem beleuchtet worden, damit man ein derart scharfes Bild hinbekommen hat.

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