SLR oder High-End Kompakte?

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Ab und an wird man ja nach seiner Meinung bezüglich dieser oder jener digitalen Spiegelreflex gefragt. Soll es jetzt eine Pentax werden, eine Sony oder doch lieber eine Canikon? Lieber ein Einsteigermodell oder doch lieber gleich eine Etage höher anfangen? Was für ein Objektiv soll man dazu kaufen? Und das Zubehör?

Ich stelle dann gerne eine ketzerische Frage: warum muss es überhaupt eine dSLR sein?

Grundsätzlich wollen die Kamerahersteller den Neukunden in ihr jeweiliges System holen, und zwar möglichst schnell. Mit einer Kleinbild-Spiegelreflex kauft man sich in ein ganzes System aus Kameras, Objektiven, Blitzgeräten usw. ein und bleibt meist auch dabei. Ein Umstieg ist stets teuer und mit Umlernen verbunden, daher ist der Einsteigermarkt der am heissesten umkämpfte. Kein Hersteller scheut Kosten und Mühen um den wichtigen Neukunden nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Die Kunden sind oft schon durch diverse (nicht immer ganz unabhängige) Fachmagazine vorinformiert und technische Neuerungen werden meist sofort in neuen Kameramodellen realisiert um der Konkurrenz immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Denn der Einsteiger vergleicht kritisch.

Dementsprechend wird auch beworben. Und zwar keinesfalls bedarfsgerecht. Die SLR wird eher zum digitalen Lifestyleobjekt erhoben, mit dem spielend leicht beeindruckende Bilder gelingen. Die Ausbaufähigkeit, höhere Bildqualität und die erweiterten Einstellmöglichkeiten werden hervorgehoben.

Leider hat eine SLR auch entscheidende Nachteile, die den Leuten nur nach einiger Zeit klar werden:

– Eine Kleinbild-Spiegelreflexkamera kann ihre Stärken nur mit umfangreichem Zubehör voll ausspielen. Dieses muss sich der Einsteiger natürlich dazukaufen, es ist nur das absolut Notwendigste im Basisset inbegriffen. Mit einer Kamera und 2 günstigen Wechselobjektiven (meist ein 18-55mm und ein 55-200mm) lassen sich schon anständige Fotos machen, aber auf Ausdrucken von 10x15cm sind die Vorzüge der DSLR kaum erkennbar.

– die Lernkurve in der Fotografie verläuft meist nicht besonders steil. Bis man wirklich etwas Vernünftiges aus seiner SLR herausholen kann, d.h. die absoluten Basics der manuellen Einstellungen gelernt und verinnerlicht hat, ist schon ein neues Kameramodell auf dem Markt. Auch die digitale Nachbearbeitung muss erlernt, Programme müssen getestet und gekauft werden. Das kostet alles Zeit und der Wertverfall bei Einsteigerkameras ist enorm.

– die Kamera muss transportiert werden. Eine Einsteiger-DSLR ist nun nicht besonders schwer, das ist dem Umstand zu verdanken dass sie alle aus qualitativ mäßigem Plastik gebaut werden. Aber mit 2 Wechselobjektiven kann man sie sich trotzdem nicht einfach um den Hals hängen. Man braucht eine dieser kleinen und (entschuldigt die wertende Aussage) in den meisten Fällen endhässlichen Taschen. Man muss die Kamera dann für ein Foto herausfriemeln, den Objektivdeckel abnehmen und kann dann das Bild machen. Oder man hat die Kamera schussbereit um den Hals hängen und die Tasche baumelt an der Schulter herum. Oder man läuft die ganze Zeit mit diesen unglaublich kleidsamen Rucksäcken herum. Irgendwann nervt das die Meisten wirklich, weil man vielleicht doch manchmal kein lohnenswertes Motiv findet. Ich für meinen Fall packe die SLR-Ausrüsrung ein, wenn ich einen Plan habe und schleppe das Trumm nicht auf gut Glück durch die Gegend.

Man tut sich also als von der Fotografie relativ unbefleckter Einsteiger nicht gerade den größten Gefallen, sich ohne mal herumgeschnuppert zu haben gleich für ein System zu entscheiden. Denn in diesem System ist man dann gleichermaßen „gefangen“. Man hat sich für Canon entschieden, findet aber plötzlich das Nikon CLS gut – oder man hat sich für Nikon entschieden und merkt nun, dass man ohne die tollen Canon T/S-Objektive nicht mehr leben kann. Oder man merkt… Tja, dass einem das Ganze dann doch eine Spur zu komplex bzw. umständlich ist, so dass man entweder nur Motivprogramme verwendet oder das gute Stück gleich entnervt zuhause lässt, von wo es dann früher oder später bei eBay landet.

Auch die Händler empfehlen gerne die Einsteiger SLR. Sie ist teurer als eine Kompakte und es besteht eine größere Chance dass der Kunde wiederkommt um mehr Zubehör zu kaufen. Schliesslich ist er „im System“. Und groß überlegen soll man ja nun nicht, höchstens welche Marke es nun werden soll. Ob Spiegelreflexfotografie wirklich was für den Kunden ist wird natürlich nie in Frage gestellt.

Warum also nicht zuerst eine hochwertige Highend-Kompaktkamera kaufen? Die Schlauberger werden einwenden: „wenn ich merke dass ich gerne fotografiere, stoße ich mit der Kompaktkamera schnell an meine Grenzen!“ Das ist so nicht richtig. Die beste Kamera ist die, die man dabei hat und oft ist die Benutzung von Spiegelreflexkameras schlicht verboten (Geräuschentwicklung, Blitz, sperriges Equipment usw.) daher sortieren viele Veranstalter die SLR-Knipser schon von vorneherein aus, weil sie am ehesten auffallen. Kein Mensch kann und will alle Kompaktkamerainhaber am Eintritt hindern, eine Kompaktkamera ist ein allgemein akzeptiertes „Accessoire“.

Mit professionellen Kompaktkameras z.B. aus Canons Powershot G-Serie oder Nikons P-Serie hat man alle manuellen Einstellmöglichkeiten einer Spiegelreflexkamera zur Verfügung. Canons aktuelle Powershot G12 z.B. schiesst Bilder in Canons RAW-Format, hat einen Blitzschuh und sehr umfangreiche Einstellmöglichkeiten, die größtenteils direkt über Knöpfe und Drehregler zu erreichen sind ohne durch umfangreiche Menüs navigieren zu müssen. Die Empfindlichkeit der Sensoren ist mittlerweile sehr anständig und die erreichbare Bildqualität kann sich sehen lassen. Profis wie z.B. Thom Hogan haben sie ständig dabei, teilweise mehrere nebeneinander, einzelne Modelle z.B. als IR-Kamera mit ausgebautem Infrarotsperrfilter. Die Objektive sind sehr gut und die Kameras haben ein stabiles, gut abgedichtetes Gehäuse. Meist braucht man gar keine Tasche oder Schutzhülle. Der Parallaxensucher ist bei Dunkelheit hilfreich und erleichtert die Motivgestaltung. Viele bemängeln das Fehlen eines Spiegel- oder Pentaprismas zur detaillierten Bildgestaltung und die längere Auslöseverzögerung (die sich im Millisekundenbereich bewegt), Einsteigern fällt das nicht störend auf. Meist wird der Bildschirm zur eingehenden Bildgestaltung verwendet und der Parallaxensucher für den Schnappschuss.

Canon G10 / Aperture

Man hat also als Fotograf sowieso immer mindestens eine gute Kompaktkamera in der Hinterhand. Warum also diese nicht als erste Kamera kaufen, erste Schritte damit machen und sich nicht gleich auf ein System festlegen? Ich will mal die Erfahrungen einiger Leute aufzählen, die diesen Ratschlag befolgt haben:

– eine Bekannte hat einen kompletten Fotokurs mit ihrer Canon G10 absolviert. Am Anfang wurde sie belächelt, weil es ja keine Spiegelreflex war. Hinterher wurde sie sogar vom Kursleiter beneidet, da sie stets mit leichtem Gepäck unterwegs war und ihre Fotos trotzdem zu den besten des Kurses zählten. Die G10 leistet ihr immer noch treue Dienste, sie hat es nie für nötig befunden eine Spiegelreflexkamera zu kaufen.

– ein Freund hat seine komplette Pentax-Ausrüstung mit deutlichem Wertverlust (über 50%) verkauft, weil sie für seinen Alltag nicht brauchbar war. Für ein paar Schnappschüsse war das System zu umfangreich und komplex und er wollte eigentlich nicht die Abende vor Bedienungsanleitungen und Fotolehrbüchern verbringen. Von dem Erlös kaufte er sich auf den obigen Ratschlag hin eine Nikon P6000 und fragt sich heute noch, warum er es nicht gleich andersherum gemacht hat. Er hätte jede Menge Geld sparen können.

– der Arbeitskollege eines Freundes hat sich auf meinen Rat hin trotz gegenteiligen Ratschlägen z.B. aus dem DSLR-Forum dafür entschieden, statt einer Canon 500D eine Canon G11 zu kaufen. Mit der Canon G11 hat er sehr viel fotografiert und sich später für das Nikon-System entschieden, da es nun nach einigen Erfahrungen mit der Fotografie besser zu ihm passte. Beim Händler konnte er sofort die wichtigen Funktionen überprüfen, die er ja schon alle erlernt hatte, und so kompetenter entscheiden welche Kamerahaptik optimal für ihn ist. Nikon mit dem Zeigefinger- und Daumenrad für Blende und Belichtungszeit haben ihm besser gefallen und er ist sofort mit der D300s ins semiprofessionelle Preissegment eingestiegen. Der Aufpreis tat ihm nicht weh weil er wusste: das Hobby will ich wirklich weiter verfolgen. Und die Canon G11 nutzt er parallel zu seinem Nikon-System weiter, es ist die Kamera die er immer dabei hat. Seiner Meinung nach hat es ihm viel Zeit und Geld gespart, die Einsteiger-SLR einfach zu überspringen und gleich im richtigen System anzufangen.

Also: eine Highend-Kompakte kann man immer brauchen. Meiner Meinung nach ist sie der ideale Einstieg in die Fotografie. Dank kompletter Einstellbarkeit kann man alle Funktionen einer SLR erlernen, kauft sich nicht sofort in ein System ein und spart in jedem Fall eine Menge Geld.

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