Fotografie auf Deutsch

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Was ist „typisch Deutsch“? Kann man natürlich nicht sagen. In den letzten Jahren haben sich in der Fotografie viele neue Trends etabliert, der Markt ist allgemein sehr stark gewachsen. Fast jeder fotografiert heute, ob mit Handy, Kompaktkamera oder Spiegelreflex und fast nur noch digital. Wenn man sich die Bilderflut bei Flickr oder vergleichbaren Diensten mal „querliest“, lassen sich aber internationale und typisch deutsche Trends beobachten, natürlich stark abhängig vom Niveau das da betrieben wird.

Man sieht sehr viel „planbare“ Fotografie, studiobeleuchtete Makros oder Portraits, viel Architektur und Landschaft (oft Panoramen), ganz viel HDR, also wenig Dynamisches sondern eher Statisches. Architektur ist ganz groß, sehr viele Profis machen hier Architekturfotografie (so kommt es mir vor). Alles auch sehr technisch, Großformatkameras, riesige Prints, beeindruckende Dynamik. Das ist auch ein bisschen auf’s deutsche Publikum abgestimmt. Man kann das nicht pauschal sagen, aber die Tendenz ist doch zu beobachten dass der deutsche Fotograf und Fotointeressierte eher auf die technische, planbare Seite der Fotografie „abfährt“. Ausnahme ist die Naturfotografie, die viel mit Glück und Geduld zu tun hat (aber Geduld ist auch eine deutsche Tugend, oder? ;)). Wenn ich Portraits sehe, dann sehe ich viel „Coolness“ und „Beauty“, ich sehe Leute die sich mehr präsentieren, was mich persönlich nicht anspricht. Ich möchte mir keine Bewerbungsfotos oder Communityportraits ansehen. Aber das wird meistens gemacht, das ist jedenfalls mein Eindruck.

International herrscht natürlich sehr viel Selbstfotografie. Aber Deutsche fotografieren sich selbst anders als z.B. der durchschnittliche US-Amerikaner, da sie im Durchschnitt gesehen ein anderes Selbstbild haben. Die deutsche, eher narzisstische Selbstfotografie kann einem eine Menge über die Fotografen verraten; ich schaue mir sowas immer gerne an, nicht weil ich auf die Tragik der Selbstpräsentation abfahre sondern weil mich Menschen und ihre Probleme und Sehnsüchte allgemein interessieren. Ich fotografiere mich selbst selten bis nie, und wenn dann eigentlich immer im Hintergrund – auch das kann eine Menge über den Menschen aussagen. Deutsche grimassieren eher selten, sie wollen mit ihren Selbstportraits eher beeindrucken als mit Humor zu punkten. Warum widme ich diesem „Nicht-Sujet“ einen ganzen Absatz (vielleicht auch irgendwann einen ganzen Artikel)? Weil ich in mittlerweile 15 Jahren noch nie so viele Selbstportraits gesehen habe wie in den letzten 2 Jahren, Facebook und MySpace sei „Dank“.

Nächstes Thema: Architektur. Ich denke der Durchschnitts-Deutsche würde viel lieber mehr „klare“ Architektur fotografieren, mehr Geometrie, fliehende Linien wo es passt, die man mit T/S geradebiegen kann wenn man will. Architektur wie man sie bei uns eher in Frankfurt findet und ansonsten in hoch verdichteten Ballungsräumen weltweit (ganz stark verallgemeinert, jeder Ballungsraum hat wieder seine eigenen Reize). In Europa sind wir mit einer großen Anzahl „klassischer“ Bauten gesegnet, aber die wenigsten Fotografen setzen sich hierzulande damit auseinander, sie setzen den Bau meist nur in Bezug zur (gerne malerischen) Landschaft, arbeiten dort eher pictorialistisch.

Makrofotografie ist auch sehr groß hierzulande. Das planbare, technische überwiegt, gerne werden aber auch Naturmakros mit beweglichen Objekten (Insekten, Kleinstlebewesen) gemacht. Man sieht mehr Topfotos die das Letzte aus den Möglichkeiten der Makrofotografie herausholt, hochpräzise Aufnahmen mit hohem „Wow“-Faktor.

HDRs mag „der Deutsche“ im Gros eher dezent, am Anfang seiner HDR-Karriere wo er es noch nicht gewohnt ist aber auch gerne „schreiend“. Immer wieder höre ich dass die besten HDR-Aufnahmen naturalistisch aussehen sollen, nicht hyperrealistisch so wie sie gerne aus den Vereinigten Staaten oder Japan kommen. Man kommt sich hier eher „betrogen“ vor, wenn man ein HDR gleich auf den 1. Blick erkennt.

Die Naturfotografie und auch die Reisereportage gehören ebenfalls zu den Stärken deutscher Fotografen. Man sieht sehr viele sehr gute Aufnahmen internationaler Locations. Es gibt eine Menge reise- und gleichzeitig fotobegeisterte Leute hierzulande, die auch als Touristen meistens (jetzt mal fern aller Vorurteile) verhältnismässig angenehm sind. Die Naturfotos zeichnen sich durch eine Vielzahl von Motiven aus, die man lange ansitzen muss, tolle Aufnahmen von Tieren auf die man lange wartet, aber leider seltener phantasievoll umgesetzt.

Panoramen sind auch etwas „typisch deutsches“, da technisch. Mit Präzision, der richtigen Ausrüstung und Geduld entstehen gute Panoramen und die hängen dann auch in verhältnismässig vielen Wohnzimmern.

Just my 2 Cents.

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